Kurzgeschichte: Nach dem Sommer kommt der Herbst
Ich drängle mich durch die Seitenstraße beim Goldenen Dachl, vorbei an den Souvenirständen mit den Nelkenfiguren aus China, biege nach links in die Stiftsgasse ein und passiere die Zinnfiguren, die mich durch das Schaufenster finster anblicken. Ich laufe am Tiroler Parfumstand vorbei, von dem behauptet wird, dass es dort nach Alpenwasser riechen würde, und drücke mich in die schwarzweiß gekleidete Chinesengruppe, um da zu landen, wo die Musik ihren Zenit erreicht. Leise Töne kommen vom Hauptplatz der Hofburg, von da, wo Kaiser Maximilian zu seinem fünfhundertsten Jubiläum allgegenwärtig scheint. Die Touristen in Gummisandalen laufen wie hypnotisiert dem sich drehenden Regenschirm hinterher, blicken kurz über meine Schulter hinweg und lassen sich von den goldenen Blasinstrumenten, die die reflektierende Sonne goldfarben erscheinen lässt, blenden. Ein Streicherquartett beginnt zu spielen, sie legen die Köpfe an ihre Schultern, schließen die Augen und scheinen in ihrer eigenen Musikwolke zu schweben.
Die Spatzen freuen sich,atmen durch, trinken Wasser und schwitzen unter ihrer Lederweste.
Ich stehe vor dem Cafè Sacher, das sich unter dem Durchgangsbogen zwischen der Seitenstraße der Hofburg und den Musikgruppen befindet und atme die heiße Luft ein, die nach schwarzen Kaffee und warmer, bitterer Schokolade riecht. Vor nur wenigen Wochen ging ich mit Julian durch den alten Bogen der Hofburg spazieren, als er die in A-Form geklappte Programmtafel entdeckte und mir die darauf abgedruckten, unzähligen Auflistungen von lokalen und über die Landesgrenze hinaus bekannten Musikgruppen, Kapellen, Gesangsvereinen und Chören vorlas und darauf herumturnte.
Er war wenige Tage vor Beginn der Sommernächte gewesen und ich sah ihm dabei zu, als er mit seinem Kopf auf den Asphalt gekracht war und anschließend lachte, als wäre nichts geschehen.
Kurz zuvor hatte ich noch die erste und die letzte Zeile der Programmtafel gelesen:
SOMMERNÄCHTE in den ALPEN
AUFTAKTVERANSTALTUNG
- Juli – 10:00 Uhr: Begrüßung durch den Bürgermeister begleitet von den Speckbachern
SCHLUSSVERANSTALTUNG
- August – 13:00 Uhr: Meraner Spatzen meets Streicherquartett Hall in Tirol
Heute ist der 27. August, ich lehne mich am Programmstand an und versuche, mich in den Klängen der Streicher wiederzufinden. Ich sehe, wie er mich angelacht und ich mir den heißen Kaffee über meine Füße geschüttet hatte. Als Tropfen über seine Schläfe rannen wie die warme Schokolade, die sich in der Sonne von meiner Sachertorte gelöst hatten.
„Innsbruck ist schon eine schöne Stadt“, sagte plötzlich ein Mann mit strohblonden Haaren neben mir. Seine Kamera klickt mehrmals, eine gute alte Leica, denke ich mir und ich sehne mich nach vergangenen Zeiten.
Die Waden des Hobbyfotografen mit Profiausstattung haben Wunden, die Frau ist schön und sein Kind ist dreizehn Jahre alt, so stelle ich mir die Familie vor, als ich sie beobachte und sich in meinem Magen ein Geschwür zusammenbraut, das ich jeden Tag mit meinen sportgummifarbigen Medikamenten zu verhindern versuche. Die kindlich großen Augen und der rosarote Mund des Jungen, lassen meinen Körper verkrampfen. Ich rieche flüssigen Zucker und hatte vergessen, wie ich meine letzten Schritte ins Langer machte.
Ich sitze gegenüber vom Cafè Sacher, direkt unter dem gotischen Torbogen im Langer. Der Kaffee vom Lago und der Apfelkuchen von Oma schmecken gut, fast so wie im Original.
„Einen Kurzen im Langer“, sage ich. Die Kellnerin blickt mich an und die Schürze knittert über ihrem Rock, während sie die Hände in ihre Hüfte legt.
„Oder soll ich sagen, einen Langen im Kurzen?“, sage ich und versuche zu lachen, während ich auf den leeren Fleck an der gelben Wand gegenüber von mir blicke, an der das letzte Mal noch das Bild mit der Sonnenblume hing. Die Kellnerin dreht sich wortlos um, wischt sich eine Strähne aus dem Gesicht, was fast so aussieht, als würde sie ihren Kopf schütteln. Dann verschwindet sie hinter der Bar.
„Was bleibt mir noch“, flüstere ich, aber sie hört mich nicht mehr.
Die Türe vom Langer steht offen, das Streichquartett spielt wieder und meine Augen schmerzen. Es fühlt sich so an, als ob jemand seine Daumen in meine Augenhöhlen drücken würde. Nur schwer erkenne ich die Musiker gegenüber im Hof, wie sie verschwommen hinter einem Schleier verschwinden.
Aus der Luke neben dem Tresen mit eingelassenem Glas in Flaschenbodenoptik wird ein Ristretto gereicht, ich hole ihn mir, während die Kellnerin auf die Straße sieht.
„Ein Ristretto“, sage ich leise und trinke ihn schnell, als meine Zunge langsam verbrennt.
Ich fange die Töne von Langnese ein, die aus einem alten Röhren TV-Gerät kommen, das mir noch nie aufgefallen war und in einem kirschholzfarbigen Rahmen über dem Bartisch montiert ist.
Weißt du noch im letzten Jahr? kommt aus den Lautsprechern und bunte Bilder blitzen auf. Sie zeigen das Meer, Sand, Schirme, Sonne, Männer, Frauen, Kinder und Eis, das in Blumenmuster angeordnet in der Luft schwebt. Ich erinnere mich an Pescara, als wir über die Ponte del Mare Brücke gingen. Die Melodie war die gleiche gewesen, als Julian so heftige Kopfschmerzen bekam, dass wir ins Hotel zurückkehren mussten.
Ich versuche, die Bilder in meinem Kopf heranzuzoomen, wie eine alte Leica, bei der jede Aufnahme einem Kunstwerk gleicht. Heißer Asphalt brennt uns unter unseren Fußsohlen und verdorrte Pflanzen liegen in den Ecken zwischen Gehsteig und Straße. Es riecht nach schwerem Öl und eine süße Note liegt in der Luft. Das Wasser im Hafen schlägt hart gegen die Schiffe, die sich unregelmäßig auf und ab bewegen. Wir umklammern unsere Hände und lachen, als der Mittelfinger von Julian in den Gelenken kracht.
Martina, seine Mutter, geht langsam hinter uns her, ebenso der Hund, der mich noch liebt.
Ich zeige auf das Schiff mit den beiden hellblauen Masten, die alle andere überragen, und von der Ferne wie Mikado Stäbe wirken, die erst losgelassen werden wollen. „Das da ist es“, sage ich zu ihm und zeige auf das Schiff mit den blauweiß gestreiften Leinenknäuel, die wie Schlafsäcke fest verzurrt an den Seiten des Schiffes hängen. Julian weiß, was ich meine und sagt: „Wir alle zusammen?“ Dann presst er seine Lippen zusammen und greift sich an seinen Hinterkopf.
„Wir alle zusammen“, sage ich und höre ihn nicht, als er seinen Mund öffnet.
Ich höre eine Sirene, mein Telefon läutet.
„Schon gut“, sage ich noch, bevor ich meine Augen wieder öffne und sich vor meinem inneren Auge, in einem kurzen Augenblick, das grelle Bild manifestiert. Es kommt und geht, wie die bunten, wandernden Flecken, die sich manchmal bilden, wenn ich meine Augen schließe. Das Bild ist grell beleuchtet und hängt gefühllos vor einem Leuchtkasten. Der Abdruck eines Gesichtes formt sich und der schwarze Fleck, der hinter dem fleischlosen Ohr in grau Tönen angedeutet sitzt. Ich würde ihn mir gerne wegdenken, einfach wegblenden, doch das Einzige, was bleibt, als ich meine Augen wieder schließe, ist ein grelles Loch.
„Vielleicht vier Monate …“, höre ich einen Musikanten hinter mir rufen und blicke auf die Seite und bemerke, dass das alles schon hinter mir liegt.
Vor zwei Tagen
„Geht so“, sagte ich zu Susanne, die Lamellen am Fenster zwischen den kleinen Büroräumen hingen schief an einer Seite herunter. Das Fensterglas war dreckig. Ich schlug mit meiner flachen Hand auf die Fliege, die in Achterbewegung vor meiner Nase gekreist war und kratzte mit dem Fingernagel den nassen, braunen Fleck weg, der sich mit der Scheibe verschmolz.
„Was meinst du?“, fragte sie, als ich an ihr vorbei zu meinem Drehsessel ging. Mein Ziel waren die Bilder gewesen, die eingerahmt in Blattgold und mit an den Rändern eingestanzten, kleinen Segelschiffen auf meinem Schreibtisch standen.
„Du hast mich gefragt“, sagte ich und zerrieb die schwarze Masse zwischen meinen Fingern, während ich Susanne auf die Haare starrte, die eng geflochten über ihrer linken Schulter herunterhingen. Ich erinnerte mich an unsere gemeinsamen Abende, sie hatte dabei dieselbe Frisur getragen. Nach dem ersten gemeinsamen Essen zu viert hatte mich meine Frau noch gefragt, ob ich darüber nachgedacht hatte. Sie sagte, so wie ich Susanne ansehen würde, wäre das kein Wunder.
Heute würde ich ihr sagen, dass es gestimmt hatte. Ich würde ihr sagen, dass ich jeden Moment darüber nachgedacht hatte und dass ich es bereuen würde, nicht darüber nachgedacht zu haben, weil es mir Spaß machte. Ich würde ihr erzählen, wie das Nachdenken zu wenig geworden war und wie Susanne und ich gemeinsam das Büro verlassen hatten, um wenige Stunden später, gemeinsam, die alte Pension zu verlassen, die nur wenige Kilometer neben der Firma gewesen war.
Ich würde ihr alles erzählen, nur um sie daraufhin um Verzeihung bitten, aber dafür war es nun zu spät. Vielleicht hätte es etwas geändert, wenn ich nur einmal versucht hätte, die Wahrheit zu sagen.
„Nein, habe ich nicht“, sagte Susanne und legte ihre Hand auf meine Schulter.
„Alles in Ordnung?“, fragte sie und drückte ihre Finger zusammen, was sich wie eine Massage anfühlte.
„Alles in Ordnung“, sagte ich und bemerkte, dass sie Recht hatte.
Sie hatte nicht danach gefragt.
Abwimmeln war heute schwerer, die Nächte forderten mich. Einatmen, ausatmen, die Kraft wich langsam aus meinem Körper und ich konnte nichts dagegen tun. Ich hatte die ganze Nacht dieses Loch im Traum gesehen, das immer größer wurde und den Kopf in sich zu verschlingen schien, bis er nicht mehr da gewesen war.
Ich bildete mir ein, mir etwas Gutes zu tun, wenn ich zur Arbeit gehen würde, mich abzulenken, aber das hatte ich mir in der Vergangenheit auch gedacht und ich sah auf das Bild, in dem Martina mir zuwinkte, als alles noch nicht so gewesen war, wie es heute ist. Als ich auf mein Handgelenk blickte um die Uhr abzulesen, bemerkte ich wieder, dass ich schon seit einem halben Jahr keine mehr getragen hatte.
„Ich weiß, dass etwas nicht stimmt“, sagte Susanne und hielt ihre flachen Hände über ihrem Bauch, während ich mich an ihr vorbei drängte, sie ansah, mit dem Kopf nickte und sah, dass die Fußbodenfliesen von Gummistreifen übersät war.
„Es hat dich hart getroffen, stimmts? Sag doch was“, sagte sie und deutete auf das Bild von Martina, das immer noch neben Julian auf meinem Schreibtisch stand.
Auf dem Fußboden beobachtete ich das Muster der abgeriebenen Schuhsolen und verfolgte mit meinen Augen diejenigen, die aussahen wie Zugschienen, die ins Leere führten.
„Ja“, sagte ich und kratzte mich am Hinterkopf.
„Hast du sie nicht mehr gehört?“ fragte sie, während die Blume auf dem Kasten, da wo mein bisheriges Lebenswerk geordnet, nummeriert und abgelegt war, verdächtig wackelte.
„Doch schon“, sagte ich „aber das ist es nicht.“ Mir kam es nicht sehr passend vor, mit ihr darüber zu sprechen, da sie, ohne dass Martina es wusste, irgendwie auch der Grund dafür gewesen war.
„Was meinst du?“ Susanne wartete auf eine Antwort und ich kannte ihren Willen nur zu gut, etwas zu erfahren. Ich ging an ihr vorbei, schloss die Glastüre mit den Aufklebern in Greifvogelform hinter mir zu und beobachtete die Abriebe am Boden, wie sie sich auseinanderbewegten und sich am Ende zu einem Schiffshaken verwandelten.
In der Kantine war es kalt, die grauen Gefriertruhen zitterten und wehten noch kälteren Wind in den kahlen Raum, der mit einer Kassa und zwei Stehtischen mit jeweils drei Barstühlen bestückt war. Eine rote Nelke stand in einer weißen Vase auf einem der Bartische. Die Härchen meiner Arme stellten sich auf, als die Wurstfrau sagte, dass sie die Dunkelheit heute für mich wieder für etwas Schöneres bei Seite geschoben hatte. Sie gab mir die Sonne, so wie immer, die mit dem gleichmäßig aufgestreuten Mohn darauf. Auf der Kasse, direkt über der Displayanzeige, klebte eine Figur mit Schnurrbart und mit Füßen aus Metallfedern, der bedrohlich winkte, als die Kassenfrau mit ihren weichen Fingern in die Tasten hämmerte.
Die Jalousien waren heruntergelassen, und von meinem Drehsessel aus beobachtete ich die Lamellen, die nun geschlossen übereinander hingen und die Sonne daran hinderte, Wärme in den Raum zu werfen. Zwischen den Verbindungen der einzelnen Aluminiumblättchen, da wo der silbergraue Draht durchgefädelt war, strahlten kleine, helle Sterne durch und ließen meine Ordner auf dem Tisch wie eine Kindermappe aussehen. Der Himmel ist heute wieder dunkel, dachte ich mir, als ich in meine Sonne biss, während ich hoffte, dass sie heute früher untergehen würde. Der Mohn des Brotes legte sich in meine Zahnzwischenräume, die schwarzen Samen wollten einfach nicht verschwinden.
Susanne stand plötzlich neben mir, ich hatte die Türe nicht gehört, an der sie nun lehnte und ihre braungebrannten Füße übereinanderschlug. Nachdem ich ihr mit einer Handbewegung gedeutet hatte hereinzukommen, nahm sie meine rechte Hand und drückte ihren harten Bauch eng an meine Schultern.
„Magst du?“, fragte sie mich und zeigte auf ihr Kleid, das wie ein Seidentuch um ihren Körper gebunden war und jede Erhebung ihrer Haut sichtbar machte.
„Ja“, sagte ich. Sie nahm sanft meine rechte Hand und führte sie zu dem dünnen Stoff auf dem ihre großen Brustwarzen ein Relief gebildet hatten, genau da, wo ein Seestern abgebildet war.
Als ich sie berührte, dachte ich an Julians kleine Füße, die gegen die warme Haut gedrückt und sich hin und her bewegt hatten, so wie er es später auch im Schlaf getan hatte.
„Es wird ein Mädchen“, sagte sie und umarmte mich, während sie auf und ab hüpfte und Quietschgeräusche aus ihrem Mund kamen, genauer gesagt, von irgendwo aus ihrem Bauch.
Der weiche Stoff ließ ihren harten, warmen Bauch wie ein Kunstwerk aussehen, das ich in Gips gegossen vor kurzem im Landesmuseum gesehen hatte, nur wollte mir die Künstlerin nicht mehr in den Sinn kommen. Ich streichelte über ihren Bauchnabel und stellte mir vor, wie die Kleine ihr Blut durch ihren Bauch atmete.
„Ich freue mich sehr für euch“, sagte ich und blickte auf die Wand hinter ihr. Susanne küsste mir auf die Wange, während ich Julians Foto ansah und mir wünschte, ihm nah sein zu können.
„Was ist denn nun los?“, fragte sie mich wieder.
Susanne setzte sich mit gespreizten Beinen, so wie schwangere es tun, vor mich auf den Hocker, der eigentlich für meine Füße reserviert war, wenn die Nächte zu intensiv gewesen waren. Ich atmete tief durch und dachte an Martina, an jene Tage, in denen sie sich von mir getrennt und meine Taschen vor die Türe gestellt hatte, nicht lange, bevor bevor wir Bescheid bekommen hatten.
Nachdem ich bereit war, Susanne alles zu erzählen, blickte sie auf den dunklen Bildschirm auf meinem Schreibtisch und fragte, wann denn heute endlich die Sonne aufgehe.
„Wer hilft dir?“, fragte sie nach einer langen Pause und nahm einen Kugelschreiber in ihre Hand und kritzelte damit Sterne auf den Tisch.
„Meine Mutter“, sagte ich und wischte die Sterne mit meinem Zeigefinger weg.
„Kümmert sie sich gut?“, fragte sie und malte einen großen Kreis rund um den entstandenen blauen Fleck.
„Ja, das hatte sie immer gemacht. Julian mag sie sehr, war auch schon so, als Martina und ich noch zusammen waren“, sagte ich und drückte meinen kleinen Finger auf den Rand des Kreises und fuhr der Form entlang nach.
„Das ist gut“, sagte Susanne und formte eine Wolke innerhalb des großen Kreises.
„Als wir keine Zeit hatten für ihn, weißt eh. War ja nie da, naja und ich ja auch nicht“, sagte ich, bevor sie auf den Boden blickte, ihre Hände unter den Tisch zog und auf ihren Schoß legte.
„Ja“, sagte sie kurz.
„Warum hast du es mir nie erzählt?“, fragte Susanne nach einer kurzen Pause, ihre Stimme wurde eine Tonart höher.
„Halte mich am Laufenden“, sagte ich und bemerkte, wie sie ihren Kopf in ihre Hände legte, während ich aufstand.
„Die Hormone“, sagte sie leise und ich gab ihr mein letztes Taschentuch.
„Danke“, sagte ich.
Später fuhr ich zurück in die Stadt, ich roch den Asphalt und die warme Gülle, die auf den Feldern lag, als ich das Fenster öffnete und gelbe Insekten auf der Windschutzscheibe explodierten. Beim letzten Stich hatte es mich aufgebläht, und ich schien ebenso zu explodieren wie sie nun selbst. Ich dachte an ausgleichende Gerechtigkeit, an Auge um Auge und Zahn um Zahn.
Dann bremste ich mein Auto ab und fuhr langsamer.
Im Radio berichteten sie über 39,2 Grad im Westen, das gabs noch nie, dachte ich, Alarmstufe Tod, sagten sie noch, oder wars Alarmstufe Rot?
Der Parkplatz in der Stadt war heute schwerer zu bekommen, auch in den Seitenstraßenzügen staute es sich und ich erinnerte mich an den Zeitungsbericht Die Stammer ist tot.
Es hatte sie erwischt, die alte Stammer, frisches Gehirn und altes Fleisch, dachte ich. Die Metzgerei trug ihren Namen und Bürgermeisterin war sie auch noch gewesen. Aufgebart im Holzsarg aus kanadischer Eiche, mit an den Seitenwänden goldenen Reliefs in Kreisform und eingestanzten Metallnieten. Die Formen sahen wie Schweinsköpfe aus. Sie war zerfressen gewesen vom Krebs, hatte es sich nicht ausgesucht, so wie ihre Schweine. Die Menschenschlangen standen in die Straße hinein, sie hatten Schweißflecken unter den Armen und die Rosen in den Händen welkten.
39,2 Grad eben, ging es mir durch den Kopf.
Der Friedhof stand genau neben dem Krankenhaus, wie passend, dachte ich mir.
„Von Daniel Defoe“, sagte ich und lehnte mich an Julians Bett an, als ich neben ihm im Zimmer saß und die Berge durch die großen Fensterfronten anblickte.
Endlich las ich wieder, war wieder bei ihm, da, wo ich den ganzen Tag hatte sein wollen. Die himmelblauen Störche auf seiner Bettwäsche schienen über den Wolken zu schweben, es mussten hunderte sein.
Ich erzählte ihm vom rotblaugelben Papagei, von kleinen Schimpansen auf Lianen, vom wild strömenden Wasser, das über Felsen zerbrach und wieder zusammenfand, vom ersten Weizen für das Steinbrot und erzählte ihm, wie Robinson mit seinem Hund spielte, der ihn noch immer liebte. Freitag musste noch warten, dachte ich, wollte es ihm aber gerne früher erzählen, aber ich wusste nicht, wieviel Zeit mir noch bleibt.
Ich erzählte ihm von der Sehnsucht des Meeres, die Entscheidung, der Aufbruch, dem Sturm und Hagel, den Wellen, die ihm das Leben nehmen wollten, dem blauschwarzen Himmel, der ihn zerreißen wollte und das satte Holz, das durch dicke Schrauben und geschmiedetes Metall in seine Einzelteile zerlegt wurde. „Es geht um den Willen zu leben“, sagte ich zu Julian, während ich seine Haare streichelte und ich mich für jedes einzelne meiner letzten sieben Worte hasste.
„Robinson, so stark bist du“, sagte ich noch und drückte Julian an mich heran, während ich spürte, dass er einmal nickte, als ich ihn nicht ansehen konnte.
Gestern
Ich stand vor dem kahlen Betonkomplex, der an der untersten Fensterfron helle, kreuzförmige Glasscheiben eingelassen hatte. Ich blickte zum gegenüberliegenden Friedhof und zur alten Stammer, die von einem meterhohen Blumenturm überschüttet war. Ein schwarzes Band mit goldenem Schriftzug umwickelte die bunten Blüten wie eine Schlange, die ihre Beute eingefangen hatte. Als ich zum Eingang ging, vorbei an den silbergrauen Skulpturen, die wie Geier wirkten, die auf Aas zu warten schienen, vorbei an den mit Kaffeeflecken bespritzten Sitzbänken, kam mir Martina entgegen.
„Was macht sie hier?“, fragte sie mich sofort. Ihre Augen waren rot unterlaufen. Ich beobachtete den Mann neben ihr, wie er auf der Stelle herumtrat und nach links und rechts blickte und nichts sagte, als ich in begrüßte.
Er sah gut aus, besser als ich, das war also der Grund gewesen, dachte ich mir.
Ich drückte seine Hände, das erste Mal, er fühlte sich gut an, besser als sie.
„Wen meinst du?“, fragte ich sie und blickte auf ihre Schulter die zart umarmt wurde. In der Ecke, bei den Zigarettenstummeln und Einwegbechern mit Kainrath Bildern drauf, war ein Taubenei auf den Boden gefalle, es stank, als der warme Wind zu uns herüber wehte.
„Sie kümmert sich, wir hatten ja keine Zeit“, sagte ich.
Ihr Gesicht kam meinem plötzlich viel zu nahe. Ihr Parfum roch anders als sonst.
„Julian…“, ihre Stimme stockte. Als sie seinen Namen gesagt hatte, gaben ihre Füße nach. Ihr Begleiter hielt sie fest, er war sanft zu ihr, und wie sie sich ihm hingab, beeindruckte mich.
„Wie geht’s ihm, das wäre wohl wichtiger“, sagte ich und spürte mein Geschwür wieder.
Sie fasste mich mit beiden Händen an meinen Oberarmen und drückte fest zu, während sie immer noch auf den Boden blickte. Ich war froh, dass ich meine Magentabletten genommen hatte.
„Lass gut sein“, sagte ihr Begleiter in ruhigem Ton und umschlang ihren Körper.
„Es ist …“, sagte sie und sah ihm in seine Augen, er hielt sie nun noch fester. Ich beobachtete ihren Kopf, der sich in sein Leibchen legte, und seine Finger, wie er die Tränen einfach wegwischte.
Als sie über die Betonstiege zu ihrem Auto gingen sah ich ihnen immer noch nachsah, als sie schon lange hinter der Mauer bei den Rettungswägen verschwunden waren.
„Danke“, sagte ich zu meiner Mutter, als sie aus Julians Zimmer gekommen war und seine Bilder an der gegenüberliegenden Wand ansah, die unordentlich mit den Fotos und Bilder seiner Freunde mit Klebeband an der Pinnwand befestigt waren.
„Für was“, fragte sie mich und nahm mich in den Arm.
„Du weißt schon …“ sagte ich.
Sie nickte und ging wortlos und mit gesenktem Kopf durch den Flur hinaus.
Daniel Defoe ließ mich nicht los, er ließ uns nicht los. „Robinson wird krank“, sagte ich zu ihm. Julian drückte fest zu und ich bemerkte, dass ich in den letzten beiden Wochen keinen so starken Druck verspürt hatte. Einmal drücken hieß ja, zwei Mal drücken hieß nein, das hatten wir uns kurz nach Beginn des Sommerfestivals vereinbart, für den Fall, dass er nicht mehr sprechen konnte.
Ich erzählte ihm davon, wie Robinson das erste Mal eine Schildkröte gegessen hatte, der Abend mit Fieber, die Angst und der Zweifel, die Schmerzen und das Brennen am Körper, dem grauen Papagei und dem trauernden Hund, der an seiner Seite saß. Ich zeigte auf Julians Bett mit Schläuchen und Folien und zeigte auf Robinsons Hängematte mit Seilen und Decken. Ich deutete auf den Papagei im Buch und das Stofftier, das an der Decke über dem Eingang befestigt war. Ich blätterte um.
„Die Hoffnung, die Entscheidung und der Wille zu leben“, flüstere ich ihm in sein Ohr.
Julian drückte mich zwei Mal.
Ich stehe auf, sehe zur Türe hinüber und reiße ihm die Schläuche von seinem Körper. Ich trenne ihn ab, nehme ihn weg vom schwarzen Tod und laufe mit ihm im Arm aus dem Zimmer. Wir fahren mit dem leeren Lift in das Erdgeschoss, vorbei am Portier, der seine Zigarette raucht und die Bierdose aus seinem Versteck holt und trinkt, vorbei an dem zerbrochenen Ei, in dem etwas zappelt, hinaus auf die Straße, wo die Rettungswägen heute zum letzten Mal fahren. Wir laufen dorthin, wo es nach warmem Asphalt riecht, hinein in ein Taxi, dessen Fahrer kein Deutsch spricht und uns eine Dattel anbietet, die nach Oase schmeckt. Ich streichle ihn so lange, wie die Fahrt dauert, hinter dem Ohr, da wo er es mag, und klammere mich an ihn.
Ich möchte ihm noch die Bäume zeigen, die im Winter am Rand der Autobahn nadeln, während wir daran vorbeifahren, und die Pinien, die im Sommer das türkise Meer von der pastellfarbenen Landschaft trennt. Ich möchte mit ihm den Wein trinken, den purpurroten, den er noch nicht trinken darf, während wir bei den Zypressen sitzen, da, wo es nach Honig duftet. Ich möchte mit ihm die Wellen beobachten, die auf die Boote drücken und möchte dabei sein, wenn er seinen ersten Kuss bekommt, dann, wenn ich wegsehen muss.
Ich möchte ihn verabschieden wie bei Hänschen Klein ging allein und möchte ihn wieder willkommen heißen, wenn das Mütterlein Grüß dich Gott mein Sohn ruft.
Ich möchte ihm die Welt zeigen, da wo es dörrt, wenn etwas traurig ist, und da wo es blüht, wenn etwas gelingt. Ich möchte, dass er mir die Welt erzählt, dann, wenn er blüht und ich dörre.
Da, wo die Wellen aufeinanderschlagen, möchte ich mit ihm sitzen und gemeinsam auf das Schiff mit den blauen Masten blicken, und wie Robinson sehen lernen.
Plötzlich öffnete ich ruckartig meine Augen und hörte die Geräte und Displays, die um uns herumstanden. Sie flimmerten, aber bei einem Gerät stand die Anzeige still. Eine grüne Linie, die mich an die Farbe der Zypressen in meinem Traum erinnerte, da, wo ich den Wein getrunken hatte, den ich nicht mehr erleben werde, stand still.
Ich blätterte um, klammerte mich an das Buch und zitterte. Ich bemerkte die Türe, die neben mir geöffnet worden war und die Männer und Frauen, die einen weißen Kasten herein schoben und mich weg drückten, als Julians Körper unter dem Druck der vielen Menschen nachgab.
Heute
Ich sitze im Langer und mein Telefon läutet, Martina ruft an, steht auf dem Display und ich sehne mich das erste Mal nicht nach ihr. Ich denke an ihren Freund und glaube, dass ich es verdient habe.
Gegenüber nimmt einer der Streicher die Bogenstange seiner Violine und sieht mich durch die offene Türe an, er prostet mir zu, bevor die Töne langsam über den heißen Asphalt hinweg zu mir kriechen und ich mir wieder die hellen Blütenblätter an der Wand vor mir wünsche.
„Lass es uns gemeinsam machen“, sagt sie am Telefon, während ich zur Kellnerin blicke, die mir endlich zuhört.
„Ja“, sage ich und sehe sie durch das Fenster hindurch an, als sie vor dem Langer an mir vorbeigeht.
Sie blickt nicht herein, hat vergessen, was wir einmal hatten.
„Wann?“, frage ich.
„In einer Stunde“, sagt sie und legt auf.
Ich stehe auf und sehe ihr durch die braune, nach unten geronnene Fensterscheibe nach. Als sie über die Straße am Haus der Musik vorbei geht, dessen Fassade sich wie eine Tonleiter nach oben streckt und die Sonne in Bronze reflektiert, bleibt sie in der Mitte des Zebrastreifens stehen, dreht sich um und sieht zu mir herüber. Sie starrt mir direkt in die Augen, als sich ihr Körper seltsam aufbaut.
„Mama, es ist so weit“, sage ich am Telefon.
„Was ist soweit?“, fragt sie. „Bitte nicht …“, sagt sie noch.
„Sie haben uns angerufen“, sage ich.
„Nein, mach es nicht“, sagt sie und fängt an zu weinen.
„Ich möchte nicht“, sage ich.
„Warum machst du es dann?“, fragt sie.
„Danke für alles“, sage ich.
„Für was“, sagt sie.
„Du weißt schon“, sage ich.
„Küss ihn von mir“, sagt sie.
Ich lege auf.
Martina steht mit ihrem Freund im Flur vor Julians Zimmer.
„Er geht“, sage ich zu ihnen, als ich bei ihnen bin.
„Ich weiß“, sagt Martina und gibt mir ihre Hand. Ihr Begleiter streicht ihr noch die Strähne weg, die ihr ins Gesicht hängt.
Sie kommt, steht auf meinem grellen Handydisplay und lasse es auf dem Glaskasten vor dem Krankenzimmer liegen.
Mein Mädchen, schreibt sie noch.
Als wir neben Julian sitzen, blättere ich im Buch und erzähle ihm, wie Robinson wieder seinen bunten Papagei füttert, und wie er das Fell seines Hundes streichelt, der neben ihm sitzt und ihm für immer bleiben wird.